Samstag, 9. Februar 2013

Sind Sie ambiguitätstolerant?

Ohne Ambiguitätstoleranz kommen wir kaum noch durch den Alltag und doch wissen wir viel zu wenig darüber.
Unsere Welt ist dynamisch und hochkomplex geworden, Interessen vielschichtig, Zusammenhänge oftmals nicht erkennbar - Widersprüche, Chaos und Unlogik überall wo wir hinsehen.
Dafür benötigen wir Ambiguitätstoleranz: das Ertragenkönnen von Mehrdeutigkeiten in der Wahrnehmung, auf emotionaler und auf kognitiver Ebene.

Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort ambiguitas ab und meint Zweideutigkeit, Doppelsinn. Er stammt von der Psychoanalytikerin und Psychologin Else Frenkel-Brunswick, die (1949) das Konzept einführte und beobachtete, dass "manche Individuen eher dazu befähigt sind, positive und negative Eigenschaften (...) zu sehen und Gefühle von Hass und Liebe ein und derselben Person gegenüber ohne allzu große Angst oder Konflikte zu akzeptieren, während andere das Bild (...) entweder als ganz und gar gut oder schlecht dramatisierten."
Das Konzept hat sich seither weiter entwickelt und bezieht einen breiteren Kontext ein, der Hintergrund ist geblieben.

Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz behalten in neuen, unstrukturierten und schwer kontrollierbaren Situationen die Ruhe und bleiben dadurch handlungsfähig. Ihre Haltung ist geprägt von einer "sowohl-als auch"-Denkweise.
Dagegen empfinden Menschen mit geringer oder kaum vorhandener Ambiguitätstoleranz Stress und Unbehagen, wenn Situationen und Menschen unberechenbar und unkontrollierbar erscheinen und sie auf eine unbekannte Situation keine adäquate Handlungsoption oder Antwort wissen. Sie legen ihrer Wahrnehmung eine Denkweise zugrunde, die geprägt ist von "entweder-oder".

Ambiguitätstoleranz macht uns also fähig, mit dem Ungewissen, Unsicheren zu leben und mit ihm umzugehen. Doch die Mehrheit der Menschen scheut die Unsicherheit, möchte ein gewisses Maß an Kontrollierbarkeit, Sicherheit und Stabilität haben; fehlt dieses, so führt dies zu Hilflosigkeit - diese widerum zu Angst, Stress und Abwehr: das Neue, Unbekannte wird bedrohlich.
Daher wünschen sich viele Menschen ein Leben, das berechenbar und sicher ist. Weil es dies aber nicht gibt, versuchen sie, Unsicherheit zu reduzieren. Die Folge ist der Verlust an Freiheit, an Kreativität, an Handlungsoptionen, neuen Erfahrungen - an persönlichem Wachstum. Es drohen Stagnation und Rückzug.

Wie bauen wir aber die Fähigkeit auf, mit inneren Spannungen, mit Ungewissheit und Unsicherheit umzugehen?
"Ich weiß, dass ich nichts weiß", sagte schon Sokrates 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung und forderte die Aufgabe der Gewissheit, die Demut vor dem Nichtwissen. Wir können das Leben nicht vorhersagen und wir müssen Kontrollillusionen aufgeben.
Leichter gesagt als getan!

Wenn wir uns aber zunehmend bewusst werden, welchem Irrtum wir hier sehnsüchtig nachlaufen, welcher Beschränkung wir uns unterwerfen und welche Chancen wir vergeben, können wir anfangen, uns Neuem zu öffnen. Handeln und aktiv werden, bevor uns das Leben mit seinen Forderungen in die Knie zwingt und uns z.B. in Form einer Krise die Veränderung abverlangt.

Wir können sehen lernen, in welchen Situationen wir bereits mehr Handlungskompetenz aufgebaut haben, als wir uns selber zugetraut hatten; wir können uns (vielleicht) zunehmend spielerisch selbstgewählten und wachsenden Herausforderungen stellen; wir können uns "andocken" an die Freude, die wir als Kinder gegenüber Neuem und Unbekannten erlebten und unsere Neugierde und unsere Lust auf (kleine oder größere) Abenteuer wieder ausgraben - und dabei, fast nebenbei, unsere Lebendigkeit wieder spüren, Kreativität wachsen lassen und neuen Spaß erfahren.

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